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Carl Prediger – Litze, Lüster, Schutzkontakt

Morgens um sieben glänzt der Hamburger Steindamm im Regen. In der Ferne kämpft sich eine dunkle Sonne in den Tag, und nur wer genau hinschaut, in die Pfützen, sieht die Dächer darinsich spiegeln. Die Schlote darauf blasen träge ihren Dampf in den neuen Tag. Auf der Straße geht lautlos ein heimtückischer, kleiner Wind.

Litze, Lüster, Schutzkontakt
Das helle Leben des Carl Prediger

Morgens um sieben glänzt der Hamburger Steindamm im Regen. In der Ferne kämpft sich eine dunkle Sonne in den Tag, und nur wer genau hinschaut, in die Pfützen, sieht die Dächer darinsich spiegeln. Die Schlote darauf blasen träge ihren Dampf in den neuen Tag. Auf der Straße geht lautlos ein heimtückischer, kleiner Wind. Er drückt den Dampf an den Kaminen hinunter, hin zu einem Mann, der vor der Türe steht. Er hat den Kragen hochgeschlagen und die Hände in den Taschen vergraben. Das Haus ist noch verschlossen, doch hinter den Scheiben huschen Schatten hin und her. Der Mann wirft einen Blick auf die Fenster. Denn er weiß: Dahinter locken die Verheißungen des Lichts: Wärme, Sauberkeit, gelassenes Verweilen, Stille und dazu jene Gemütlichkeit, die das Gefühl gibt alles auszuschwitzen was alt, müde und übernächtigt ist.

Es ist 1921. Feuerzeuge, Taschenlampen, Petroleum, Batterien, Gas, Elektrisch. Der Mann heißt Carl Prediger, er ist hager und hat einen gutmütigen Blick. Und das hier am Steindamm 158 ist sein erstes Geschäft. In den Schaufenstern Deckenkronen, Berliner Messing, Haubenlampen, Zuglampen, Tulpen, solche von Kaiser Idell. Wenn Prediger nun drinnen den Schalter umlegt, pustet sein kleiner Laden mit dem Milchdepot im Keller die herbstliche Düsternis der Straße gleich einem Windstoß hinweg. Hier an der Ecke Lohmühlen – Carl Prediger bringt das Licht. Wenig später, 1928, soll das auch für die Bergstraße gelten, dann die Mönckeberg. Und es soll auch für den aschblonden Mann gelten, der mehr ist als der ehrbare Kaufmann, mit diesem unumstößlichen hanseatischen Handschlaggesetz.

Wo langbeinige Hanseatinnen unnahbar und schick vis à vis aus dem Kaffeehaus Koch stöckeln, oder der Konditorei Hodermann – Klavier, Notenständer, Korbgeflecht –, setzt der Mann mit den kleinen zufriedenen Augen ganz unhanseatisch auf Kontakt. Auf Plauderei. Dann Schlag Hand in Hand. Geregelt. Statt zu Großhändlern, begibt er sich zu Designern wie Palme am Rhein direkt, zu den Künstlern in Böhmen, in die Hügel des Sauerlandes, zu den Manufakturen erhellender Zunft. Dolce Vita in Quarz und Sand, Metall. In den warmen Monaten, wenn die Stadt an der Elbe sich entstädtert, folgt seine Frau den Sommerfrischlern nach Westerland auf Sylt. Gründerjahre sind keine Herrenjahre. Während Juliane Prediger ihrer beider Designentdeckungen auf der Insel der Komtessen und der Freiherrn an den Mann zu bringen bedacht ist, kümmert sich der beste aller Ehemänner Carl im Laden mit dem Milchgeschäft im Souterrain um das tägliche Kleinklein: Kabel, Litze, Schutzkontakt. Groschenbeträge auf grün gedruckter Rechnung in blauer Schreibmaschinenschrift. Eine Krone, 5flammig, 19.75 Reichsmark – Chintzampel, der gewachste Baumwollmantel, 25 Reichsmark. Das ist schon ein größerer Wurf. Tochter Käthe schaut zu. Sie wächst auf hinter dem Ladentisch.

Mein liebes Goldfrauchen, schreibt Prediger auf die Insel, unter kaum verhohlenem Trennungsschmerz: Wir können uns auch aus der Ferne ein wenig die Hand reichen. Mein liebes Muddel, ich würde Dir recht gerne noch eine ganze Menge schreiben, aber dieser Brief soll heute Morgen zur Bahn, damit Du wenigstens etwas von mir hörst. Wenige Jahre später hat sich das Beharrungsvermögen des Lichterkönigs indes ausgezahlt: Für Deine lieben Wünsche zu unserem Geschäftsunternehmen danke ich Dir, mein liebes Julchen, recht herzlich und möchte Dir auch diese Wünsche zurückrufen, denn Du hast doch einen Riesenhauptteil an unserem Geschäft. Du hast doch den Hauptschwung in die Sache durch Deinen guten Geschmack gebracht. Und darum wünsche ich aus ganzem Herzen, dass Du noch recht viel Freude für Deine Gesundheit und die Häuslichkeit erlebst. Vertrauensvolle Worte im biederen Stil der Zeit.

Beide, Juliane und Carl Prediger, kultivieren über die Jahre nicht nur ihre stilprägende Geschmackssicherheit in Sachen Kristall, Licht und die Dienstleistung darum. Auch führen sie für die Mitte des letzten Jahrhunderts, in dem eine Frau zur Eröffnung eines Kontos noch die Erlaubnis des Ehemanns benötigt, eine außergewöhnlich selbstbewusst gleichberechtigte Partnerschaft: Sie fährt als feine Dame im fahrenden Ohrensessel genannten BMW gerne nach Dänemark. Allein. Die Alkoholgesetze sind in den nunmehrigen Fünfzigern streng, und als der Zöllner die Frage seines Berufsstandes stellt, sagt der Chauffeur, in dem er auf die geradeaus schauende Grand Dame im Fond zeigt: Das ist die Frau Prediger! Woraufhin der Zöllner salutiert und eine Kiste Wein die Grenze unbehelligt passiert. Pfiffigkeit gehört eben auch dazu, wie unbedingte Bereitschaft, sich auf Herausforderungen einzulassen. Und sei es nur eine Kundin, die nur und partout auf Plattdeutsch bedient sein will.

Carl Prediger hingegen liebt seine Landpartien in den Harz, er singt mit Freunden Seemannslieder im Chor und klopft regelmäßig eine Runde Skat. Bube, Dame, Kreuz. Ouvert. Im Adenauerland der Nachkriegszeit kann er den Ladentisch jetzt Ladentisch sein lassen, mehr und mehr begeistert er sich und andere durch große Installationen von Licht. Kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, die unterdessen 25 Mitarbeiter haben ihm zu Ehren einen Raum festlich mit Predigerlampen beleuchtet. Gespannt kommt er die Treppe hinunter, inzwischen untersetzt. Und sein Herz schlägt höher. Es schlägt ein wenig zu hoch: Oh wie ist das schön!, sagt er. Es sind seine letzten Worte in einem Meer aus Licht.

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