"Licht war lange Zeit nicht nur Lux, sondern vor allem Luxus"

Die Verbindung von Licht und Kunst – in Hamburg wird sie für Zehntausende Schaulustige spätestens dann sichtbar, wenn Michael Batz den Hafen im Zuge seiner spektakulären Lichtinstallation „Blue Port Hamburg“ blau beleuchtet. Dr. Matthias Gretzschel, Autor für Kultur und Medien beim Hamburger Abendblatt, und Fotograf Michael Zapf haben dem Lichtkünstler Michael Batz vor kurzem das Buch „Hamburg.Licht.Kunst“ gewidmet, das dessen Lichtprojekte in Hamburg, weltweit sowie die Geschichte des öffentlichen Lichts in der Hansestadt seit 1382 beleuchtet. Wir haben mit Dr. Matthias Gretzschel unter anderem über Michael Batz, dessen Arbeit und über Licht im öffentlichen sowie privaten Raum gesprochen. Unser Experteninterview:

Dr. Matthias Gretzschel hat ein Buch über den Hamburger Lichtkünstler Michael Batz und die Geschichte der öffentlichen Beleuchtung in der Hansestadt geschrieben. Foto: Michael Zapf

Dr. Matthias Gretzschel vom Hamburger Abendblatt hat ein Buch über den Lichtkünstler Michael Batz und die Geschichte der öffentlichen Beleuchtung in der Hansestadt geschrieben. Foto: Michael Zapf

Prediger Lichtberater: Herr Dr. Gretzschel, Sie haben sich bereits verschiedenen Aspekten der Hamburger Stadtgeschichte gewidmet. Warum ist das Thema Ihres neuesten Buches ausgerechnet Licht und Beleuchtung in der Hansestadt?

Dr. Matthias Gretzschel: Mich hat das Thema schon immer interessiert. Ich bin Jahrgang 1957 und komme ursprünglich aus Dresden. Das heißt, ich kann mich noch gut an eine Zeit erinnern, in der es sehr dunkel war. Licht im öffentlichen Raum war für sehr lange Zeit einfach nicht verfügbar, das hat sich glücklicherweise geändert. Auch die Beziehung von Licht und Architektur interessiert mich, weil in Dresden seit den 1960er Jahren zum Beispiel der Zwinger oder die Hofkirche sehr grell beleuchtet wurden. Ich fand immer, dass sich öffentliche Beleuchtung bestimmt besser umsetzen lassen müsste. Irgendwann bin ich dann auf Michael Batz aufmerksam geworden. Als er vor Jahren in die Redaktion des Hamburger Abendblattes kam und sein Projekt zur Illumination der Speicherstadt vorstellte, habe ich gesehen, dass städtische Beleuchtung auch ganz anders aussehen kann.

Prediger Lichtberater:Wie kam dann die Zusammenarbeit mit Michael Batz für das Buch „Hamburg.Licht.Kunst“ zustande?

Dr. Matthias Gretzschel: Ich hatte beruflich in vielerlei Hinsicht mit Michael Batz zu tun, habe regelmäßig über seine Kulturprojekte geschrieben. Man kommt an einem solch umtriebigen Menschen einfach nicht vorbei, wenn man sich in Hamburg mit Kultur beschäftigt. Ich habe Michael Batz dann auf diversen Veranstaltungen regelmäßig getroffen, dabei sind wir immer wieder auf das Thema Licht und Beleuchtung zu sprechen gekommen. Irgendwann kam uns schließlich die Idee, dass wir zusammen mit dem uns befreundeten Fotografen Michael Zapf ein Buch machen sollten. Als dann der Hamburger Koehler Verlag an uns heran trat, wurde es konkret.

Prediger Lichtberater:Einen Großteil Ihres Buches widmen Sie dem Hamburger Lichtkünstler Michael Batz, der mit seinen Installationen „Blue Port“ und „Blue Goal“ weit über die Stadtgrenzen hinaus berühmt wurde. Warum fasziniert Michael Batz mit seiner Arbeit so viele Menschen auf der ganzen Welt?

Dr. Matthias Gretzschel: Michael Batz gelingt ein sehr sinnlicher Umgang mit dem Medium Licht, vor allem geht er kreativ und plastisch mit der Architektur um. Meist verzichtet er auf hohe Lichtintensität, geht stattdessen individuell auf jedes Gebäude ein und versucht alle Besonderheiten des Bauwerks in seinem Lichtkonzept widerzuspiegeln. Und genau das überzeugt die Menschen von São Paulo bis Porto und von Salzburg bis Hamburg.

Prediger Lichtberater:Zeichnen Sie doch mal kurz die Geschichte des Lichts in Hamburg nach, mit der Sie Ihr neues Buch einleiten.

Dr. Matthias Gretzschel: Das öffentliche Leben spielte sich lange Zeit ausschließlich bei Tageslicht ab, denn wenn es dunkel wurde, gingen die Menschen nach Hause. Das änderte sich ganz langsam ab Mitte des 14. Jahrhunderts, denn im Jahr 1382 wurde am Hamburger Rathaus erstmals eine Öllampe installiert, die die ganze Nacht lang leuchten sollte. Das war ein großer Schritt, denn Licht war zu dieser Zeit nicht nur Lux, sondern vielmehr Luxus. Der Betrieb dieser einen Lampe war unglaublich teuer. Mit der Entwicklung Hamburgs zur Hafenstadt wurde dann immer mehr Beleuchtung notwendig, da sich viele Aktivitäten nicht mehr auf das Tageslicht beschränken ließen. Trotzdem ging auch hier die Entwicklung sehr langsam voran. Mit dem Vormarsch der Gaslaterne und der Einführung der Elektrizität, die sich ab 1877 immer stärker ausbreitete, wurde Licht im öffentlichen Raum im späten 19. Jahrhundert endgültig zu einem flächendeckenden Phänomen. Gleichzeitig bekam Licht immer mehr eine werbende und kommerzielle Funktion es wurde gezielt eingesetzt und beispielsweise durch Leuchtreklamen sogar als störend empfunden. Deshalb gab es in Hamburg früher als anderswo auch eine Lichtverordnung, die den Wildwuchs an Licht im öffentlichen Raum rings um Binnenalster und Rathausmarkt in den 1920er Jahren Einhalt gebot.

Elbphilharmonie Hamburg mit Hafen zum "Blue Port". Foto: Michael Zapf / Koehler Verlag

Die spektakuläre Lichtinstallation „Blue Port“ von Lichtkünstler Michael Batz taucht den Hamburger Hafen und die Elbphilharmonie alle zwei Jahre in blaues Licht. Foto: Michael Zapf / Koehler Verlag

Prediger Lichtberater:Was machte bzw. macht die städtische Beleuchtung in Hamburg im internationalen und nationalen Vergleich so besonders?

Dr. Matthias Gretzschel: Es ist der maßvolle Umgang mit Licht, der wiederum auf die eben angesprochene Leuchtverordnung aus den 1920er Jahren zurückgeht. Licht wird in Hamburg seit langem nicht nur als Chance, sondern auch als Problem begriffen, so dass es keinen Overkill an Licht gibt. Hamburg war im nationalen und internationalen Vergleich lange Zeit recht provinziell und ziemlich dunkel. Das hat sich mittlerweile geändert. Heute wird Licht viel stärker zur urbanen Gestaltung eingesetzt, so dass die Architektur sichtbar wird. Das ist wiederum nur durch eine sehr kleinteilige, differenzierte Beleuchtungstechnik möglich. Ein Paradebeispiel dafür ist die Speicherstadt, die sich aufgrund ihrer Bauweise auch hervorragend dazu anbietet, sie mit Licht zu modellieren. Möglich wird das durch die wesentlich besseren technischen Möglichkeiten, die wiederum ein Grund dafür sind, dass die Kosten für die öffentliche Beleuchtung in den letzten Jahren stark gesunken sind.

Prediger Lichtberater:Welches Hamburger Bauwerk wird Ihrer Meinung nach am besten mit Licht in Szene gesetzt und wo sollte die Stadt vielleicht nochmal über ein besseres Lichtkonzept nachdenken?

Dr. Matthias Gretzschel: Das Lichtkonzept für die Speicherstadt finde ich wirklich sehr gelungen und vorbildlich. Auch Rathaus und Michel werden sehr schön beleuchtet. Bei der Hauptkirche Sankt Jacobi sehe ich dagegen noch Potential für eine differenziertere und kreativere Beleuchtung. Ansonsten fällt mir von den großen Bauwerken keines ein, das nicht schon gut beleuchtet ist, denn in den vergangenen Jahren ist diesbezüglich viel passiert. Gespannt bin ich allerdings, wie die Elbphilharmonie von innen her leuchtet, wenn sie fertiggestellt und in Betrieb ist.

Speicherstadt in Hamburg: Foto: Michael Zapf

Dr. Matthias Gretzschel findet das Lichtkonzept für die Speicherstadt in Hamburg „sehr gelungen und vorbildlich“. Verantwortlich dafür war übrigens Lichtkünstler Michael Batz. Foto: Michael Zapf / Koehler Verlag

Prediger Lichtberater:Hat die Arbeit am Buch „Licht.Kunst.Hamburg“ Ihre Sicht auf das Thema Licht und Beleuchtung verändert?

Dr. Matthias Gretzschel: Es war auch diesmal wieder wie bei der Arbeit an allen anderen Büchern: Am Ende wusste ich viel mehr als vorher, weil ich natürlich viel zum Thema Licht und Beleuchtung recherchiert und mich damit intensiv auseinandergesetzt habe. Mir ist bei der Arbeit an diesem Buch aber klar geworden, dass die permanente Verfügbarkeit von Licht, wie wir sie heute erleben, lange Zeit nicht selbstverständlich war. Licht war für viele Jahrhunderte ein sehr teures Gut. Wenn man sich das vor Augen hält, entwickelt sich eine ganz andere Sensibilität dafür.

Prediger Lichtberater:Wie wichtig ist Ihnen das Thema Licht und Beleuchtung nicht nur im öffentlichen, sondern vor allem im privaten Bereich?

Dr. Matthias Gretzschel: Extrem wichtig. Ich bin immer wieder entsetzt, wie schlecht manche Wohnungen beleuchtet sind. Dabei schafft doch erst gutes Licht echte Wohlfühlatmosphäre. Gleichzeitig ist Licht aber auch Funktion, denn es muss unterschiedlichen Aufgaben und Anforderungen gerecht werden. Deshalb ist es für mich zum Beispiel wichtig, dass sich das Licht im Wohnumfeld dimmen lässt.

Prediger Lichtberater:Herr Dr. Gretzschel, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

9783782212298

Das Buch „Hamburg.Licht.Kunst – Der Lichtkünstler Michael Batz“ von Dr. Matthias Gretzschel und Michael Zapf stellt die inzwischen weltweit bekannten Projekte des Lichtkünstlers Michael Batz umfassend vor, erklärt dessen Motive und Ideen und erzählt zugleich die spannende Kulturgeschichte des städtischen Lichts in Hamburg. Die Texte im Buch stammen vom Autor und Journalisten Dr. Matthias Gretzschel, die Fotografien vom gebürtigen Hamburger Michael Zapf.

Artikelinformationen:
Autoren: Matthias Gretzschel/Michael Zapf
Titel: Hamburg. Licht. Kunst
Untertitel: Der Lichtkünstler Michael Batz
Verlag: Koehlers Verlagsgesellschaft
Seitenzahl: 172 Seiten
Format: 26 x 24 cm
ISBN: 978-3-7822-1229-8
Preis: 29,95 Euro

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