Giuseppe Maurizio Scutellà: „Die Pirce ist ein echter Glücksfall“

Nicht nur interessant für Hersteller, Händler und lichtbegeistertes Publikum: Die Fachmesse Euroluce 2017 in Mailand hatte in diesem Jahr wieder zahlreiche neue Lösungen für Licht und Beleuchtung zu bieten. Klar, dass sich während der sechs Tage Anfang April auch jede Menge Designer in den Messehallen tummelten. Wir haben einige von ihnen zum Experteninterview getroffen – zum Beispiel Giuseppe Maurizio Scutellà, der vor ziemlich genau zehn Jahren die Pirce-Leuchte für Artemide entwarf. Ein echtes Erfolgsprodukt.

Giuseppe Maurizio Scutellà begrüßte das Prediger Lichtjournal am Euroluce-Stand von Artemide. Der Norditaliener beantwortete geduldig unsere Fragen zu den Themen Licht, Leuchten und Design. Foto: Prediger

Herr Scutellà, welche Bedeutung hat die Euroluce für Sie persönlich?

Die Euroluce ist ein Ort, an dem die großen Unternehmen neue Designtrends und ihre Vision von Licht und Leuchten präsentieren. In diesem Jahr gab es verschiedene Schwerpunkte. Es gab viel skandinavisches Design zu sehen, aber auch ganz viele Entwürfe, die an die 1970er Jahre erinnern. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass diesmal viel mehr Vitalität und Innovationsdrang als sonst auf der Messe zu spüren war.

Wie wir bereits feststellen konnten, treffen Sie auf der Euroluce viele Freunde und Bekannte…

Das stimmt. Vor allem am Stand von Artemide. Ich arbeite seit mittlerweile zehn Jahren für Artemide, da kenne ich natürlich viele Menschen. Aber ich treffe auch viele Kollegen aus den anderen Unternehmen, für die ich arbeite bzw. gearbeitet habe.

Wie fällt Ihre Messebilanz bisher aus?

Die Euroluce ist für mich immer der wichtigste Termin des Jahres. Sie unterscheidet sich von anderen Lichtmessen. Denn hier geht es etwas poetischer und designorientierter zu, während beispielsweise auf der Light & Building der Fokus eher auf technischem Licht liegt.

Eine einzigartige Leuchte, die sich nahtlos in jedes Ambiente einfügt: Die Pirce Leuchten gehören seit ihrer Markteinführung vor zehn Jahren zu den beliebtesten Produkten im Artemide-Sortiment. Fotos: Artemide

2007 haben Sie für Artemide die Pirce-Leuchte entworfen, die immer noch unglaublich erfolgreich ist. Empfinden Sie großen Druck, wenn Sie für Artemide arbeiten, oder ist es für Sie vielmehr eine große Ehre?

Es ist für mich eindeutig eine Ehre. Druck empfinde ich bei Artemide keinen, eher große Verantwortung. Deshalb versuche ich immer, das Beste zu geben. Und stets ehrlich sowie intelligent an die Arbeit heranzugehen. Obwohl Artemide ein ziemlich großes Unternehmen ist, bin ich im Gestaltungsprozess für neue Leuchten völlig frei. Das gefällt mir.

Wie entwickeln Sie neue Ideen für Leuchten? Schildern Sie doch mal kurz den Entstehungsprozess. Welche Frage stellen Sie sich ganz zu Anfang?

Ein neuer Entwurf entsteht manchmal durch Intuition, manchmal aber auch durch eine Nachfrage von Kunden oder Herstellern. Ich orientiere mich bei jedem neuen Projekt an einem Ausspruch der italienischen Architektin Gae Aulenti. Sie sagte einmal, dass Qualität und Erfolg eines Produkts entscheidend davon abhängen, welche Fragen zu Beginn des Entwicklungsprozesses gestellt und wie diese beantwortet werden.

Was bedeutet das mit Blick auf das Design Ihrer Leuchten? Was ist die richtige Eingangsfrage, um ein erfolgreiches Produkt zu entwerfen?

Leuchten bzw. das Design von Leuchten faszinieren mich ganz besonders. Weil eine Leuchte immer anders ist und immer mehrere Zwecke erfüllt. Anders als zum Beispiel ein Stuhl oder ein Bücherregal. Weil eine Leuchte ihr Äußeres komplett verändert, wenn sie angeschaltet wird. Die erste Frage, die ich mir immer wieder stelle, lautet: Unterscheidet sich mein Entwurf von anderen Entwürfen? Nur wenn ich darauf eine zufriedenstellende Antwort gefunden habe, geht es weiter.

„Die Pirce ist ein echter Glücksfall“, sagt Giuseppe Maurizio Scutellà über diese formschöne Leuchte. Denn mit diesem Modell gelang dem gelernten Industriemechaniker der große internationale Durchbruch.

Bleiben wir noch kurz bei diesem Thema: Wie sieht Ihrer Meinung nach die perfekte Design-Leuchte aus? Wie die Pirce?

Die Pirce ist ein echter Glücksfall. Ich bin auch nach zehn Jahren noch sehr zufrieden mit dem Entwurf. Pirce ist ein Sammelbecken vieler Ideen und Inspirationen. Sie ist wie eine Skulptur, die sowohl im ein- aber auch im ausgeschalteten Zustand wunderschön ist. Gleichzeitig verändert sie ständig ihr Äußeres. Je nachdem, aus welchem Winkel man sie betrachtet. Gutes Licht und ein stimmiges Design gehen bei der Pirce wunderbar zusammen. Ich finde aber auch, dass zwei altbekannte Designklassiker der perfekten Designleuchte ziemlich nahekommen. Erstens die Flos Parentesi von Achille Castiglioni und zweitens die Artemide Eclisse von Vico Magistretti. Bei der Parentesi kann man die Lichtquelle entlang eines Pendels verschieben – ähnlich wie bei einer auf- bzw. untergehenden Sonne. Bei der Eclisse kann die Lichtintensität mit einer einfachen Handbewegung verändert werden. Beide Leuchten sind für mich echte Musterbeispiele für gutes, funktionales Licht.

Die von Ihnen erwähnten Leuchten stammen aus den 1960er bzw. 1970er Jahren. Heutzutage sprechen wir aber fast nur noch über LED-Leuchten? Inwieweit hat die LED Ihrer Ansicht nach den Bereich der Beleuchtung verändert?

Durch die LED haben sich plötzlich ganz neue Möglichkeiten bei Gestaltung von Leuchten ergeben. Einerseits konnte das Leuchten-Gehäuse drastisch verkleinert werden, andererseits gab es mit der LED einen Wechsel von der Elektrik hin zur Elektronik. Dadurch hat sich auch die Licht- und Leuchtensteuerung verändert.

Pirce Sospensione, Pirce Micro Sospensione und Pirce Mini Sospensione: Im Laufe der vergangenen zehn Jahre ist das Sortiment an Pirce-Leuchten stetig größer geworden. Alle Leuchten gibt es natürlich auch mit LED.

Wenn wir über moderne Lichttechnik sprechen, müssen wir auch noch kurz auf die Organische LED, also die OLED, eingehen. Artemide hat auf der diesjährigen Euroluce mit der Harry H. ja schon eine erste OLED-Leuchte präsentiert.

Ich denke, dass die OLED die natürliche Weiterentwicklung der LED darstellt. Aktuell ist sie aber noch zu teuer. Das wird sich in den nächsten fünf Jahren aber sicherlich ändern.

Haben Sie bereits versucht, die OLED in Ihre Entwürfe zu integrieren?

Meiner Meinung nach eignet sich das flächige Licht der OLED derzeit wesentlich besser für die Architekturbeleuchtung. Für den Bereich der Design-Leuchten bevorzuge ich die LED. Auch weil ich diese Technik wesentlich unkomplizierter in meine Produkte integrieren kann.

Nach dem kleinen Ausblick in die Zukunft möchten wir gemeinsam mit Ihnen nochmal zurückschauen. Wann haben Sie sich dazu entschieden, Produktdesigner zu werden und warum?

Meine Karriere verlief eher unkonventionell. Denn ich habe keine klassische Ausbildung zum Produktdesigner absolviert, war an keiner Design- oder Architekturschule. Aber ich hatte schon immer ein großes Interesse an Kunst und Design. Ich habe als Industriemechaniker in einer großen Firma gearbeitet und 25 Jahre lang – meistens nachts – an meinen eigenen Designstudien gearbeitet. Also nach Feierabend und nachdem ich mich um meine Familie gekümmert habe. Ich hatte immer die Hoffnung, dass eines Tages ein großes Unternehmen an meinen Produkten Interesse hat. Obwohl mein damaliger Chef daran zweifelte, habe ich eines Tages trotzdem den Pirce-Entwurf zu Artemide geschickt. Mit Erfolg. Denn zwei Monate später war meine Leuchte im Artemide-Katalog. Und kurz darauf habe ich auch noch diverse Designpreise für die Pirce bekommen. Das ging alles sehr schnell und hat mich wirklich überrascht.

Das Design der Pirce ist einmalig: Eine dünne Scheibe geht in sanft geschwungene Ringe über, die sich spiralförmig nach unten neigen und im eingeschalteten Zustand magische Lichteffekte entstehen lassen.

Können Sie uns erklären, wie Sie auf den Namen Pirce gekommen sind?

Eigentlich hatte ich für die Pirce-Leuchte den Namen Andromeda vorgesehen. Vorbild war das gleichnamige Sternenbild. Artemide hat dann aber kurz vor der ersten Präsentation den Namen geändert. Warum, weiß ich nicht. Das passiert aber bei fast allen Produkten. Die Stehleuchte Alcatraz, die ich ebenfalls für Artemide entworfen habe, hieß ursprünglich auch anders. Nämlich Drop.

Hat sich Ihre Faszination für Licht und Leuchten durch den sensationellen Erfolg der Pirce verstärkt?

Nicht wirklich, denn Licht und Leuchten würde ich als meine erste Liebe bezeichnen. Ich habe mich seit jeher für dieses Thema interessiert. Auch deshalb beschäftige ich mich während meiner Arbeitszeit zu etwa 80 Prozent mit Leuchten bzw. deren Design. Das Schöne daran ist, dass man bei der Gestaltung einer Leuchte aufgrund der technischen Möglichkeiten völlig frei von Zwängen ist. Dabei macht die Lichttechnik das Produkt nicht nur besser. Sie ist vielmehr das Werkzeug, mit dem sich das Design und eine bestimmte Lichtwirkung gezielt erzeugen lassen.

Abschließend noch die Frage: Was dürfen wir in Zukunft von Ihnen erwarten?

Ich hoffe, dass ich zusammen mit Artemide und den anderen Unternehmen, für die ich arbeite, weitere Projekte umsetzen kann. Ich werde auf jeden Fall auch in Zukunft noch viele Leuchten entwerfen.

Herr Scutellà, vielen Dank für das informative Gespräch!

 

Übrigens: Die Pirce-Leuchten finden Sie in allen Varianten hier in unserem Online-Shop.

Im Ensemble gibt die Pirce Pendelleuchte mindestens eine genauso gute Figur ab wie als Einzelstück. Sie eignet sich perfekt für den Einsatz über Esstischen, kann aber auch über einem Küchentresen montiert werden.