Prediger Sommerreihe Teil 2: Spanisches Design

In Sachen Design ist Spanien gewissermaßen ein Spätzünder. Was aber nichts daran ändert, dass viele spanische Designer wie etwa Patricia Urquiola oder Jaime Hayon inzwischen weltweit begehrt sind.

Spanien, spanisches Design, Prediger Lichtberater

Dank Gaudís Architektur ist Barcelona unverwechselbar. Foto: Pixabay

Als Patricia Urquiola 1961 in Oviedo geboren wurde, war spanisches Design nicht wirklich existent. Es gab zwar Architekten, die Möbel, Leuchten und Co. gestalteten. Aber eine reine Designbranche gab es noch nicht. Erstaunlich, wenn man den Stand des Designs zu dieser Zeit mit anderen Ländern wie Deutschland, Italien oder Skandinavien vergleicht, wo das Design in voller Blüte stand. Ganz so erstaunlich ist es aber dann noch nicht, wenn man sich mal die Geschichte Spaniens genauer anschaut.

Anfang des 20. Jahrhunderts blühte in Barcelona dank des Formenreichtums von Antoni Gaudí, Josep Puig i Cadafach oder Salvador Dalí der Modernisme, also der katalanische Jugendstil auf. Gebäude aus dieser Zeit, wie zum Beispiel der kirchliche Sühnetempel Sagrada Familia, zeugen auch heute noch davon, wie faszinierend die Ideen damals waren. Spanien hätte in Sachen Design also durchaus eine sehr interessante Entwicklung machen können. Wenn es in den 1930er-Jahren nicht den Bürgerkrieg gegeben hätte, der das komplette Land lahmlegte.

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So kann auch nur ein Museum rund um Dalí aussehen. Zu finden ist es in Girona. Foto: Pixabay

Design und Diktatur in Spanien

In den 1950er-Jahren bemühten sich vereinzelt Architekten um ein eigenes Industriedesign, das sich vorrangig am Bauhaus orientierte und sich an den Ideen von Le Corbusier anlehnte. Doch auch dieses Mal konnte sich ein eigenes spanisches Design nicht durchsetzen. Viele Unternehmen hatten wirtschaftlich gerade erst wieder Fuß gefasst und zeigten sich unter der Diktatur von Francisco Franco nicht eben experimentierfreudig. So blieb Industriedesign eine Pionierdisziplin von Architekten wie Oriol Bohigas, Antoni de Moragas oder Miguel Milá, die vorwiegend in Barcelona und Madrid tätig waren.

Erst Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre, als ein politischer und gesellschaftlicher Wandel stattfand, die Ölkrise beendet war und es mit der Wirtschaft bergauf ging, konnten sich spanische Designer endlich frei entwickeln und entfalten. Wobei es tatsächlich erst durch die Olympischen Sommerspiele 1992 in Barcelona und durch die Weltausstellung in Sevilla im gleichen Jahr seinen ersten richtigen Boom verzeichnete.

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Die Sagrada Familia von Antoni Gaudí ist ein Paradebeispiel für den Modernisme. Foto: Pixabay

Eine Spanierin in Italien

Durch all diese Tief-, Höhe- und Wendepunkte ist es schwierig, spanisches Design zu definieren. Zwar verpflichten sich bis heute die meisten Designer dem Funktionalismus und bevorzugen klare und geradlinige Formen. Es gibt aber auch genügend Rüschen und opulente Gebilde. Aber auch diese Uneinheitlichkeit ist nicht weiter verwunderlich. Zum einen fehlt in Spanien eben eine die Stilistiken verbindende Tradition, wie man sie zum Beispiel in Skandinavien findet. Zum anderen gingen viele Spanier zunächst ins Ausland, um sich dort zum Designer ausbilden zu lassen.

Und hier kommt dann wieder Patricia Urquiola ins Spiel. Die Spanierin studierte in ihrem Heimatland zwar Architektur, doch ihr Weg führte sie sehr schnell nach Mailand, wo sie sich endlich voll und ganz dem Design zuwenden konnte. Und wo sie heute noch lebt. Als bekannteste spanische Designerin entwirft Urquiola natürlich auch Leuchten. Allerdings nicht für einen spanischen, sondern einen italienischen Hersteller: Flos.

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Die Leuchte Tatou S1 hat die spanische Star-Designerin Patricia Urquiola für den italienischen Hersteller Flos entworfen. Foto: Flos

Funktionalismus bei Vibia

Anders herum funktioniert das natürlich auch: viele spanische Leuchtenhersteller beauftragen so etwa gerne Designer aus anderen Ländern mit Entwürfen. Bestes Beispiel dafür ist etwa das 1987 in Barcelona gegründete Unternehmen Vibia, für das unter anderem Ichiro Iwasaki und Toan Nguyen tätig waren. Wobei Vibia natürlich auch mit spanischen Designern zusammenarbeitet. Wie etwa  Victor Carrasco, der sich für die Deckenleuchten 45° verantwortlich zeichnet, die vor allem durch ihre klare Formsprache und ihren Purismus zu überzeugen wissen. Hier erkennt man dann wieder den Funktionalismus.

Noch ein spanischer Designer, der sehr eng mit Vibia zusammenarbeitet, ist Jordi Vilardell. Auch er hat sich ganz dem Funktionalismus verschrieben, wie man etwa an der ausgeklügelten Stehleuchte Balance erkennen kann, die mit Gegengewichten arbeitet. Wobei bei Vibia auch ein großer Teil des Sortiments auf den Außenbereich ausgelegt ist. Eigentlich logisch, wenn man sich das Klima in Spanien einmal anschaut. Die Menschen sind eigentlich nur während der brütenden Mittagshitze in ihren Häusern und Wohnungen. Vor allem abends findet das Leben vorwiegend draußen statt. Man braucht also auch dort eine gute Beleuchtung.

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Bei der Leuchte Balance von Jordi Vilardell erkennt man klar den Funktionalismus. Foto: Vibia

Tradition und Innovation gehen Hand in Hand

Ein weiterer Hersteller, den man hervorheben sollte, ist das 1997 im Baskenland gegründete Unternehmen B.Lux. Denn mit Regina, die von Jorge Pensi entworfen wurde, kam die erste Leuchte aus poliertem Aluminium auf dem Markt. Diese Materialverarbeitung prägte die Branche und lässt sich inzwischen weltweit finden.

Die älteste Leuchtenmanufaktur Spaniens ist übrigens Metalarte. 1932 in Barcelona gegründet, kann das Unternehmen auf eine lange Tradition zurückblicken. Wobei Tradition auf keinen Fall mit Stillstand gleichzusetzen ist. Im Gegenteil! Denn die älteste Leuchtenmanufaktur arbeitet mit einem der jüngsten und vor allem bekanntesten spanischen Designern zusammen. Nämlich mit Jaime Hayon. Ähnlich wie Patricia Urquiola ließ auch er sich im Ausland ausbilden. Nach Stationen in Frankreich und Italien kehrte er allerdings in sein Heimatland zurück und ließ sich mit seinem Designbüro in Barcelona nieder. Anders als seine Kollegen, die eher nüchtern und minimalistisch designen, setzt Hayon gerne auf üppige Formen und schwungvolle Kurven, wie man etwa an der Leuchten-Familie Josephine erkennen kann.

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In der Josephine von Jaime Hayon vereinen sich klare Formen und üppige Kurven. Foto: Metalarte

Kontraste zeichnen das spanische Design aus

Nicht minder schnörkelig, dafür nicht ganz so üppig, weil filigraner, sind die Leuchten von Arturo Alvarez, der mit seiner Manufaktur quasi eine neue Ära im spanischen Design eingeläutet hat. Der Designer, der sich in den 1990er-Jahren verstärkt mit der Tiffany-Technik auseinander gesetzt hat, bevor er sich stilistisch erst dem Art déco und dann dem Bauhaus annäherte, hat inzwischen seine ganz eigenen Formsprache gefunden, die eng mit der Natur verbunden ist. Seine fantasievollen Leuchten werden zu einem großen Teil aus dem von ihm patentierten Simtech hergestellt – ein mit Silikon ummanteltes Gewebe aus Edelstahl.

Natürlich sind das nur einige wenige Beispiele, um zu zeigen, wie kontrastreich spanisches Design heutzutage ist. Auf der einen Seite stehen klare, minimalistische Formen, die an Skandinavien und Bauhaus denken lassen. Auf der anderen Seite findet man viel Prunk und üppige Fantasie. Genau diese Kontraste definieren letztlich aber auch das spanische Design, das sich in keine Schublade stecken lässt, weil es sich immer wieder selbst neu erfindet.

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Dank Simtech formt Arturo Alvarez erstaunliche Leuchten. Foto: Arturo Alvarez

Bisher erschienene Teile der Sommerreihe:

28. Juni 2018, Nicole Korzonnek
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