Prediger Sommerreihe Teil 1: Skandinavisches Design

Schlichte Formen, die auf das Wesentliche reduziert sind und eine enorme Funktionalität haben – damit lässt sich skandinavisches Design wohl am besten beschreiben. Aber wie ist dieser Designstil eigentlich entstanden? Und warum wird er bis heute in Skandinavien konsequent weitergeführt? Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

skandinavisches Design, A110

Die A110 von Alvar Aalto verschönert auch heute noch jeden Raum. Foto: Artek/Mikko Ryhänen

Heutzutage wird skandinavisches Design vor allem mit einem schwedischen Möbelhaus in Verbindung gebracht: IKEA. Und so ganz verkehrt ist das auch nicht. Schließlich setzte Ingvar Kamprad, der das Unternehmen 1943 im Alter von nur 17 Jahren gründete, bereits Mitte der 1950er auf preisgünstige Massenproduktion seiner Möbeldesigns. Genau diese optimierte Herstellungsweise ist seit jeher ein Bestandteil der Designströmung aus dem hohen Norden. Aber das skandinavische Design zeichnet weit mehr aus, als Möbel, die man in Eigenregie zusammenstöpseln kann.

Verlassen wir also Schweden und das Massenbeispiel IKEA. Die Anfänge des skandinavischen Designs liegen tatsächlich ganz woanders. Schließlich gelten der Finne Alvar Aalto und der Däne Arne Jacobsen nicht ohne Grund als Urväter eben jenes skandinavisches Designs, das auch heute noch weltweit fernab von Zusammensteckmöbeln zu begeistern weiß.

skandinavisches Design, Alvar Aalto

Alvar Aalto in den 1930er-Jahren. Foto: Artek/Heinonen

Die Wurzeln des skandinavischen Designs

Alvar Aalto, der „Vater des Modernismus“ gilt als Pionier in der finnischen Architektur. Seine Häuser zeichneten sich durch die Verbindung von Gebäude und Landschaft aus. Zugleich setzte er aber Zeit seines Lebens streng auf den Funktionalismus seiner Architektur. Nicht ohne Grund. Schließlich hatten die skandinavischen Länder bis in die späten 1950er-Jahre hinein die schlechtesten Wohnstandards der Welt. Dank Architekten wie Aalto änderte sich das aber seit dem Jahr 1930 schrittweise. Da fand in Stockholm nämlich die Ausstellung für Industrie, Handwerk und Kunsthandwerk statt, die dem Funktionalismus zum Durchbruch verhalf. In den folgenden Jahrzehnten sollte er fast schon zu einer offiziellen Ideologie im Wohnungsbau werden, da er den Mensch und seine Bedürfnisse in den Vordergrund stellte. Wodurch sich dann auch schlichte Formalität und Minimalismus zum Funktionalismus gesellten. Was sich letztlich nicht nur in der Architektur, sondern auch im Design niederschlug.

skandinavisches Design, A330, Artek

Die legendäre A330 von Alvar Aalto. Foto: Artek

Designklassiker von Alvar Aalto

In Skandinavien gehören Leuchten seit jeher ganz selbstverständlich für jeden Designer zum Portfolio dazu. Möbel und Leuchten bilden ein Gesamtkonzept, damit man es „hygge“, also besonders gemütlich in seinen eigenen vier Wänden hat. Schließlich verbringen Skandinavier einen Großteil des Jahres in ihren Wohnungen – und dank der langen und dunklen Winter auch bei eingeschaltetem Licht. Es ist also nur logisch, dass alle großen Designer auch Leuchten entworfen haben – und dass viele davon aufgrund ihres zeitlosen Funktionalismus bis heute nicht nur Klassiker, sondern nach wie vor Beststeller sind.

Bestes Beispiel ist da erneut der Pionier Alvar Aalto, der 1935 zusammen mit seiner Frau Aino das Designunternehmen Artek gründete, für das er Möbel und Leuchten entwarf. Wie etwa 1936 die bis heute legendäre A330, die auch „Golden Bell“ genannt wird, weil sie einer historischen Glocke nachempfunden ist. Nicht minder bekannt ist Aaltos A110. Die Leuchte in Form einer Taschenlampe entstand 1952 und wird, ebenso wie die „Golden Bell“, noch immer von Artek hergestellt – auch wenn die Firma seit 2013 dem Schweizer Konzern Vitra gehört.

skandinavisches Design, Arne Jacobsen

Der Mann hinter dem Design: Arne Jacobsen. Foto: gemeinfrei

Das erste Designhotel der Welt

Dass das skandinavische Design seit Jahrzehnten in aller Welt begehrt ist, ist zu einem großen Teil übrigens erneut Alvar Aalto zu verdanken. Denn er war es, der den finnischen Pavillon für die Weltausstellung 1939 in New York entwarf – und damit für Aufsehen sorgte. Mit seinen gewellten und geneigten Holzwänden brach Aalto radikal mit dem Gebot des rechten Winkels und ließ Besucher wie Architekten ob der gewagten und doch harmonischen Bauart staunen. Das skandinavische Design konnte sich dank dieser Radikalität etablieren.

Hinzu kamen dann noch die Designleistungen des Dänen Arne Jacobsen, der eine weitere Lanze für das skandinavische Design brach. 1957 bekam Jacobsen den Auftrag, das SAS Royal Hotel in Kopenhagen komplett mit seinen Entwürfen zu gestalten. Damit schuf er das erste Designhotel der Welt. Jacobsen, dessen Arbeiten stark von Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier und dem Bauhaus beeinflussten wurden, war – wie Aalto – ein Verfechter des Funktionalismus. Zugleich setzte er seine Designs aber auch immer in Bezug zur Naturverbundenheit der Skandinavier und bevorzugte organische Formen. So heißen seine Möbel etwa Ameise, Ei oder Schwan und sind bis heute legendär.

skandinavisches Design, AJ Leuchte

Ein echter Designklassiker: Die AJ-Serie von Arne Jacobsen. Foto: Louis Poulsen

Skandinavisches Design von Jacobsen und Henningsen

Eine der bekanntesten Leuchten, die dank Arne Jacobsen für das Designhotel in Kopenhagen entstanden, ist die AJ Stehleuchte, die ab 1960 vom Hersteller Louis Poulsen auch für Privathaushalte gefertigt wurde. Die konische Form der Leuchte erinnert leicht an einen Vogel, was durch die ungewöhnliche Form des Standfußes noch verstärkt wird. Dieser hat aber einen ganz pragmatischen Hintergrund: Die erste AJ-Leuchte diente zugleich als Aschenbecherhalterung in dem Designhotel.

Die Leuchten der AJ-Serie werden bei Louis Poulsen nach wie vor stark nachgefragt. Aber sie sind wahrlich nicht der einzige Klassiker des dänischen Herstellers. Schließlich brachte das Unternehmen 1958 auch die Pendelleuchte PH 50 auf den Markt, die bereits 1926 von Poul Henningsen designt wurde. Die Leuchte war sehr schnell sehr begehrt. Inzwischen soll sie in der Hälfte aller dänischen Wohnungen hängen. Genau das ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des skandinavischen Designs: die entworfenen Möbel und Leuchten sollen nicht nur etwas für die intellektuelle Elite sein, sondern für alle. Ein Konzept, das bis heute voll und ganz aufgegangen ist und es ermöglichte, dass sich das Design auf der ganzen Welt großer Beliebtheit erfreut.

skandinavisches Design, Northern Lighting, Birdy

Mit dem Re-Design von Northern Lighting ist Birger Dahls Tischleuchte s-30016 unter dem Namen Birdy jetzt wieder zu haben. Foto: Northern Lightig/Colin Eick

Willkommen in der Gegenwart

Nun gilt es noch, die Brücke ins Hier und Jetzt zu schlagen. Denn das skandinavische Design besteht aus weit mehr als Klassikern, die seit Jahrzehnten begeisterte Abnehmer finden. Wobei heutzutage auch gerne bewusst eine Symbiose von Vergangenheit und Gegenwart eingegangen wird. Bestes Beispiel hierfür ist der norwegische Hersteller Northern Lighting. Im Jahr 2013 brachte das Unternehmen ein Re-Design der Tischleuchte s-30016 heraus, die ursprünglich 1952 von Birger Dahl entworfen wurde und die in der Designwelt wahre Triumphe zu feiern wusste. Northern Lighting bietet die Leuchte jetzt unter dem Namen Birdy an und macht damit zugleich auf die Form aufmerksam.

Auch die anderen Leuchten des norwegischen Unternehmens sind ganz eindeutig mit der Tradition des skandinavischen Designs verbunden und zeigen zugleich, wie zeitgemäß die Prinzipien des Funktionalismus nach wie vor sind. Das sieht man etwa an der Tischleuchte Buddy von Mads Sætter-Lassen, die sich im Jahr 2015 unter 130 eingereichten Entwürfen beim Northern Lighting Student Design Award durchsetzte und die 2016 in Produktion ging. Die Leuchte wurde bewusst als kleiner Helfer für jeden kreiert. Zum einen gibt sie ihr Licht direkt da ab, wo es auf dem Schreibtisch gerade gebraucht wird. Zum anderen kann man mit ihr aber Büroutensilien bündeln und aufbewahren. Dass die Buddy dann auch noch mit ihrem minimalistischen und zurückhaltendem Design zu überzeugen weiß, wird da fast schon zur Nebensache.

skandinavisches Design, Buddy, Northern Lighting

Der kleine Helfer für jeden: Tischleuchte Buddy von Northern Lighting. Foto: Northern Lighting/Chris Tonnesen

Wo Vergangenheit auf Gegenwart trifft

Tradition und Innovation gehen beim skandinavischen Design Hand in Hand. Die markanten Merkmale wie eben Funktionalität und Minimalismus finden sich in jedem Objekt ebenso wieder, wie solide und zweckgebundene oder natürliche Materialien wie Aluminium oder Holz. Hinzu kommt, dass sich auch Designfirmen der ersten Stunde, wie etwa Artek, Louis Poulsen oder der dänische Hersteller Le Klint fortwährend weiterentwickeln und mit jungen und innovativen Designern zusammenarbeiten. Dadurch entsteht eine ganz besondere Mischung.

Und auch jüngere Firmen, wie etwa Northern Lighting oder das 1995 in Finnland gegründete Unternehmen Secto Design, das sich auf die Produktion von Leuchten aus Birkenholz spezialisiert hat, geben die Tradition nicht auf, finden aber inzwischen auch immer wieder Wege, um neuen Schwung und einen besonderen Pfiff hineinzubringen. Kein Wunder, dass das skandinavische Design heutzutage so vielfältig und facettenreich wie nie zuvor ist.

skandinavisches Design PH 50, Louis Poulsen

Die PH 5 ist die aktuelle Variante der legendären PH 50 von Poul Henningsen. Foto: Louis Poulsen

Bisher erschienene Teile der Sommerreihe:

25. Juni 2018, Nicole Korzonnek
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