Designklassiker Teil 9: Die Tizio Tischleuchte von Artemide

Sie ist eine Stilikone der 1980er Jahre. Und nach der Tolomeo eine der am meisten verkauften Tischleuchten der Welt. Keine Frage: Die Tizio von Artemide gehört einfach in die Kategorie Designklassiker und darf in unserer beliebten Lichtjournal-Serie natürlich nicht fehlen. Obwohl sie bereits 1972 vom Deutschen Richard Sapper entworfen wurde, erfreut sie sich auch heute noch ungebrochener Beliebtheit. Und zwar nicht nur bei Architekten und Ingenieuren. Im nachfolgenden Beitrag wollen wir die Tizio bzw. ihre Geschichte deshalb etwas genauer vorstellen.

Eine Leuchte für viele Lebenslagen: Die Tizio von Artemide gibt es bereits seit 1972. Der deutsche Industriedesigner Richard Sapper entwickelte ein einzigartiges Design, das optimale Beweglichkeit ermöglicht. Alle Fotos: Artemide

Richard Sapper suchte Anfang der 1970er Jahre nach einer Schreibtischleuchte, die wenig Platz einnimmt, trotzdem aber über einen großen Aktionsradius verfügt. Fündig wurde er damals irgendwie nicht. Deshalb entwickelte er kurzerhand eine Leuchte, die seinen Anforderungen in jeder Hinsicht gerecht wurde. Das Ergebnis ist die Tischleuchte Tizio von Artemide. Ein Designklassiker, der bei seiner Markteinführung mit einer revolutionären Lichttechnik und unvergleichlicher Vielseitigkeit punktete. Und es übrigens auch heute immer noch tut.

Revolutionäre Technik: Die Tizio leuchtet mit Niedervolt-Halogen

Die Tizio gibt es übrigens auch als Stehleuchte.

Die Tizio von Artemide, von der es längst auch eine LED-Ausführung gibt, war Anfang der 1970er Jahre eine der ersten Leuchten, die mit der damals bahnbrechenden Niedervolt-Halogentechnik ausgestattet war. Aus gutem Grund, denn erst diese Lichttechnik ermöglichte es Richard Sapper, seine einzigartige Designidee zu verwirklichen, die unverkennbar an einen Kran erinnert. Das Besondere: Am filigranen Leuchtkörper der Tizio stören keine Kabel. Stattdessen wird der Strom dank der Niedervolt-Technik einfach über die Arme zum Leuchtmittel geleitet. Anfassen kann man den Korpus bzw. Leuchtenkopf natürlich trotzdem – ohne dabei einen Stromschlag zu bekommen. Die Niedervolt-Halogentechnik begünstigt aber nicht nur die besondere Bauweise des legendären Designklassikers, sondern darüber hinaus auch dessen bemerkenswerte Flexibilität. Schließlich lässt sich der Leuchtkörper durch die beiden Arme mit den dazugehörigen Gegengewichten völlig frei positionieren.

„Form follows function“: Filigranes Design und maximale Flexibilität

Der 1932 in München geborene Richard Sapper hat seine Produkte zeit seines Lebens nach der Designmaxime „form follows function“ entworfen. Dafür ist die Tizio der beste Beweis. Denn sie steht für eine gewisse geometrische Strenge, ein Höchstmaß an Flexibilität, eine angenehme Leichtigkeit und erstaunliche Dynamik. Mit einer kurzen Handbewegung lassen sich Leuchte und Licht ganz neu ausrichten – und bleiben dank der ausgeklügelten Bauform stets in der gewünschten Position. Auf diese Weise nimmt die Tizio immer neue Formen an und erzeugt ganz nebenbei den Eindruck, dass sich die physikalischen Kräfte trotzdem im Gleichgewicht befinden. Aufgrund ihrer schlichten Bauform und der großen Beweglichkeit avancierte die Tischleuchte Tizio in den 1980er Jahren weltweit zu einer Ikone des High-Tech-Designs. Sie durfte damals auf kaum einem Schreibtisch fehlen.

Richard Sapper: Einer der wichtigsten Designer des 20. Jahrhunderts

Vater der Tizio: Richard Sapper (1932-2015).

Rückblickend betrachtet, hatte die Tizio Tischleuchte einen entscheidenden Anteil daran, dass aus dem italienischen Leuchten-Hersteller eine Weltmarke und aus ihrem Schöpfer Richard Sapper einer der wichtigsten Industriedesigner des 20. Jahrhunderts wurde. Richard Sapper, der bis zu seinem Tod am 31. Dezember 2015 hauptsächlich in Mailand lebte, hat neben der Tizio für Artemide noch viele weitere Produkte für weltbekannte Unternehmen entworfen. Nachdem er seine Karriere als Designer bei Mercedes Benz begann, schuf er die Sapper-Chair Bürostühle für Walter Knoll, den Flötenkessel 9091 (Bollitore) für Alessi und das legendäre Laptop Thinkpad 700 C für IBM. Letzteres schrieb mit seinem roten Trackpoint ab 1992 ebenfalls Designgeschichte. Nicht nur Experten schätzen an den Produkten von Richard Sapper, dass sie innovative Ideen mit einer klaren Formensprache kombinieren. Schon zu Lebenszeiten wurde er übrigens mit allen wichtigen Designpreisen ausgezeichnet. Den Compasso d’Oro, den angesehensten Designpreis der Welt, erhielt er gleich elf Mal.

20. September 2017, Christian Buchholz
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