Michele de Lucchi: „Ich würde gern nochmal eine Tolomeo entwerfen“

Der Italiener Michele de Lucchi gilt in der Design- und Architekturszene als echte Ikone. Nicht zuletzt, weil er vor ziemlich genau 30 Jahren – also 1987 – die Tolomeo entworfen hat. Auf Einladung von Hersteller Artemide kam der Vater der Tolomeo in dieser Woche nach Hamburg und gab dem Prediger Lichtjournal vor der großen Tolomeo-Party an der Elbe ein ausführliches Interview. Darin versuchte er zu erklären, warum seine Tolomeo die meistverkaufte Designleuchte der Welt ist und warum er sich immer wieder gegen bestehende Konventionen auflehnt.

Michele de Lucchi mag Hamburg. Und ganz besonders den Hafen. Deshalb freute er sich über den schönen Ausblick während des Interviews. Im Hintergrund zu sehen: Der Containerhafen. Fotos (4): Prediger

Herr de Lucchi, auf Einladung von Artemide feiern Sie das 30-jährige Jubiläum der Tolomeo in Hamburg. Wie gut kennen Sie die Stadt und was gefällt Ihnen hier besonders?

Ich war schon mehrere Male in Hamburg. Ich mag die Stadt und vor allem den Hafen. Hamburg ist eine ganz besondere Stadt mit einem unverwechselbaren Charakter. Und jetzt gibt es hier auch noch die Elbphilharmonie, ein wunderschönes Bauwerk. Obwohl sie ziemlich teuer war und es während der Bauzeit viel Trubel gab, haben meine Architekten-Kollegen Herzog & de Meuron bei der Elbphilharmonie einen fantastischen Job gemacht.

Haben Sie die Elbphilharmonie denn auch schon besucht?

Noch nicht, aber ich plane es. Allerdings ein anderes Mal, dann bringe ich auch ein wenig mehr Zeit mit.

Die Tolomeo gibt es seit mittlerweile 30 Jahren: Was bedeutet Ihnen dieses Jubiläum?

Die letzten 30 Jahre sind wie im Flug vergangen, was irgendwie schade ist. Denn ich bin ja ebenfalls 30 Jahre älter geworden. Trotzdem freut es mich natürlich sehr, dass das Design der Tolomeo immer noch zeitgemäß und die Leuchte auch nach drei Jahrzehnten noch äußerst erfolgreich ist. Darauf bin ich wirklich sehr stolz.

Die Tolomeo gilt als meistverkaufte Designleuchte der Welt. Was macht Ihrer Meinung nach den großen Erfolg dieses Produkts aus?

Ich suche immer noch nach den Gründen (lacht). Denn ich würde gern nochmal so eine Leuchte wie die Tolomeo entwerfen. Allerdings habe ich kein Erfolgsrezept parat. Ich kann deshalb meinen Studenten auch nicht erklären, wie sie eine so erfolgreiche Leuchte designen. Das hängt immer von vielen verschiedenen Umständen und Möglichkeiten ab. Natürlich ist das Design sehr wichtig für den Erfolg, gleichzeitig hängt dieser aber auch vom Hersteller ab. Artemide hatte von Beginn großes Vertrauen in die Tolomeo und investierte viel Geld sowie Ressourcen in die Leuchte, um diese beispielsweise einfacher produzieren und zu einem vernünftigen Preis anbieten zu können. Zudem hat Artemide die Lichttechnik bei dieser Leuchte immer wieder angepasst.

Hatten viel Spaß bei der Jubiläumsveranstaltung: Designer Michele de Lucchi (links) und Artemides Vize-Präsidentin Carlotta de Bevilacqua, die hier Nanna Jakobsgaard vom dänischen Magazin Bo Bedre ein Interview geben.

Was hat die Tolomeo, was andere Leuchten nicht haben?

Ich glaube, der große Erfolg der Tolomeo hängt von zwei entscheidenden Faktoren ab: Einerseits funktioniert sie überall. Zu Hause, im Büro, im Schlafzimmer, in der Küche, im Bad und im Wohnzimmer. Einfach überall. Genau deshalb macht es für viele Kunden Sinn, eine Tolomeo zu kaufen. Andererseits ist die Tolomeo viel mehr als nur eine Leuchte. Tolomeo ist eine ganze Leuchten-Familie. Wir haben schon viele verschiedene Varianten geschaffen und alle basieren auf dem gleichen Konzept. Jede neue Version war dann wieder erfolgreich. Die Tolomeo ist zwar ein sehr technisches Objekt, gleichzeitig aber auch äußerst simpel. Deshalb ist sie bei den Kunden auch so beliebt.

Ihre Beziehung zu Artemide bzw. zu Artemide-Gründer Ernesto Gismondi gilt als besonders eng. Wo haben Sie sich zum ersten Mal getroffen und wie hat sich die Zusammenarbeit im Laufe der zurückliegenden Jahre entwickelt?

Ich habe Ernesto Gismondi zum ersten Mal 1981 getroffen, damals war er großer Unterstützer der Mailänder Designgruppe „Memphis“, die mit den vorherrschenden Regeln des Funktionalismus gebrochen hatte. Das Treffen war der Beginn einer langen, sehr erfolgreichen Zusammenarbeit und Freundschaft. 1981 habe ich dann auch angefangen Leuchten für Artemide zu entwerfen, also lange vor der Tolomeo. Ernesto Gismondi war für mich immer schon eine sehr anregende und inspirierende Person. Er hat mich immer wieder auf neue Ideen für Leuchten gebracht und mich stets ermutigt, neue Technologien einzusetzen. Ihm liegt seine Firma Artemide wirklich sehr am Herzen und er setzt nicht zuletzt auch voll und ganz auf eine Produktion in Europa. Er sucht immer nach dem bestmöglichen Weg, seine Leuchten in optimaler Qualität zu einem für die Kunden akzeptablen Preis zu produzieren. Die Verbindung zwischen uns beiden ist ein echter Glücksfall.

Ist die Tolomeo für Sie Fluch oder Segen? Oder anders gefragt: Wie sehr nervt es Sie, ständig auf diese eine Leuchte angesprochen zu werden?

Natürlich bin ich manchmal davon genervt, die Tolomeo ist mein allergrößter Erfolg und der Grund dafür, dass sich die Menschen oft nicht mit meinen anderen Arbeiten beschäftigen. Dabei arbeite ich ja nicht nur als Produktdesigner, sondern auch als Architekt und als Künstler. Als Produktdesigner sehe ich meine Aufgabe allerdings darin, Objekte zu erschaffen, die Sinn machen. Und ganz offensichtlich ist die Tolomeo das Produkt, das für eine sehr große Anzahl an Menschen Sinn macht.

Eine gute halbe Stunde nahm sich Designer und Architekt Michele de Lucchi am Dienstag Zeit, um Christian Buchholz vom Prediger Lichtjournal Rede und Antwort zu stehen. Bei einer top Aussicht, wie man sieht.

Für viele ist die Tolomeo der Inbegriff einer perfekten Leuchte. Auch für Sie?

Ja, ich kann diesen Menschen zustimmen. Die Tolomeo ist eine perfekte Leuchte. Aber ich entwerfe trotzdem weiterhin Leuchten und natürlich auch Tischleuchten. Denn ich glaube, dass in diesem Bereich noch viel mehr möglich ist. Leuchten die neuer, moderner und vielleicht sogar erfolgreicher sind. Das treibt mich an.

Während Ihres Studiums in den 1970er Jahren haben Sie mehrfach gegen das so genannte Design-Establishment rebelliert. Warum?

Ich glaube, wir müssen uns einfach gegen bestimmte Konventionen auflehnen, um neue Wege beschreiten zu können und Lösungen für zukünftige Probleme zu finden. Dadurch wird es erst möglich den nächsten Schritt zu gehen. Ich zwinge mich deshalb auch von Zeit zu Zeit dazu, ein Rebell zu sein. Schon allein um etwas Neues erschaffen zu können.

Während der vergangenen 30 Jahre wurden nicht nur unglaublich viele Tolomeos verkauft. Auch die Lichttechnik hat sich radikal verändert. Zum Guten?

Auf jeden Fall. Die LED ist fantastisch. Schon allein, weil sie wesentlich energiesparender und damit nachhaltiger ist. Die LED hat sich durchgesetzt, das zeigt sich unter anderem daran, dass die erfolgreichste Tolomeo mittlerweile die mit eingebauter LED-Technologie ist. Die „alte“ Tolomeo verkauft sich aber ebenfalls noch sehr gut. Denn auch sie kann ja mit LED-Leuchtmitteln bestückt werden. Die Frage, die sich für mich daraus ergibt, ist folgende: Setzen sich die Leuchten mit eingebauter LED-Technik am Ende durch oder bevorzugen die Kunden doch lieber Leuchten mit einem herkömmlichen Sockel, in den sie das LED-Leuchtmittel einsetzen können? Die Antwort darauf kenne ich allerdings nicht.

Meinhard von Gerkan (links), einer der bekanntesten deutschen Architekten, hatte Artemide und Michele de Lucchi (rechts) sein Hamburger Haus mit Elbblick für die Jubiläumsveranstaltung 30 Jahre Tolomeo zu Verfügung gestellt.

Inwieweit hat die LED-Technologie heute einen Einfluss auf die Form Ihrer Leuchten?

Der Einfluss ist sehr groß. Vor 30 Jahren, als ich die Tolomeo entworfen habe, bin ich natürlich vom Leuchtmittel ausgegangen. Damals habe ich die Leuchte um die Glühlampe herum gebaut. Heutzutage ist das Leuchtmittel bzw. die LED nur noch ein kleiner Punkt, den ich irgendwo einsetzen kann. Der große Unterschied ist also, dass Leuchten mittlerweile vor allem als ganzheitliche Objekte entworfen werden. Und in diese werden dann die LEDs integriert.

Gehen wir kurz auf den kreativen Prozess ein: Wie entwickeln Sie Ideen für neue Leuchten und welche Frage stellen Sie sich stets zu Beginn?

Heute entwerfe ich eher Umgebungen, die ich dann mit LEDs zum Leuchten bringe. Meine Aufgabe als Designer ist es, gute Gründe für eine neue Leuchte zu finden. Dafür muss ich stets Augen und Ohren offen halten. Und genau darin liegt die größte Schwierigkeit. Schließlich gibt es schon unzählige Leuchten für alle möglichen Anwendungen. Trotzdem muss ich plausible Gründe für eine neue Leuchte finden, bevor ich diese entwerfe.

Kommen wir zum Abschluss des Interviews nochmal zurück auf die Tolomeo: Welche Varianten des Klassikers brauchen die Kunden noch bzw. welche kommen in den nächsten Jahren auf den Markt?

(Überlegt lange) Ich denke, die Tolomeo muss noch einfacher werden. Sowohl was die Produktion als auch was die Bedienung angeht.

Herr de Lucchi, vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

Das neueste Modell aus der großen und vor allem erfolgreichen Produktfamilie hört auf den Namen Tolomeo Maxi (rechts) und soll in diesem Herbst auf den Markt kommen. Links die Tolomeo Tavolo. Foto: Artemide. Foto: Artemide

12. Juli 2017, Christian Buchholz
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