Peter Andres: „Wir planen das Licht in erster Linie für den Menschen.“

Peter Andres gehört zu den Pionieren der Lichtplanung und hat für zahlreiche renommierte Projekte im In- und Ausland das Licht geplant. Seit über 30 Jahren hat der Professor für Lichtgestaltung sein Büro mittlerweile in Hamburg – das wurde in der Vorwoche groß gefeiert. Und zwar mit einer kleinen Vernissage im „designxport“ in der Hamburger Hafencity. Die Ausstellung, bei der neben wichtigen Projekten aus der Firmenhistorie beispielsweise auch lichttechnische Grundlagen anschaulich erläutert wurden, läuft noch bis zum 7. Mai 2016. Für uns waren Jubiläum und Ausstellung genug, Peter Andres im Prediger-Experteninterview einige Fragen zu stellen. Los geht’s:

Peter Andres ist einer der führenden deutschen Lichtplaner und hat in den vergangenen 30 Jahren das Licht für zahlreiche Großprojekte geplant. Eines davon war beispielsweise der Flughafen Hamburg. Foto: Prediger

Peter Andres ist einer der führenden deutschen Lichtplaner und hat mit seinen Mitarbeitern und Partnern in den vergangenen 30 Jahren das Licht für etliche Großprojekte wie den Flughafen Hamburg geplant. Foto: Prediger

Herr Andres, herzlichen Glückwunsch! Sie sind beim Deutschen Lichtdesign Preis 2016 in fünf Kategorien nominiert. Überrascht Sie das?

Mal schauen, was daraus wird. Nominiert zu sein, heißt noch lange nicht, dann auch zu gewinnen. 2012 als wir das erste Mal angetreten sind, sind wir gleich Lichtplaner des Jahres geworden.  Wir haben damals, denke ich, vor allem in der Breite überzeugt. Das ist diesmal ähnlich. Wir konzentrieren uns nicht auf einen Bereich, sondern versuchen stets in allen Umgebungen zu erreichen, dass sich Menschen wohlfühlen. Wir fühlen uns grundsätzlich zuständig für alle Bereiche, in denen sich Menschen aufhalten. Das gilt für das Erleben eines Freilichtmuseums in der Nacht genauso wie für ein Bürogebäude, in dem die Menschen tagsüber arbeiten müssen, aber in dem durch bauliche Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz – zum Beispiel durch dreifach verglaste Fenster – ein wesentlicher Teil des Tageslichts draußen bleibt. Und das wiederum muss durch Kunstlicht ausgeglichen werden.

Wie die Nominierungen in den verschiedenen Kategorien zeigen, kümmern Sie sich mit Ihrem Team sowohl um die Beleuchtung privater als auch öffentlicher Gebäude und Räume. Gibt es einen Unterschied in der Herangehensweise an diese Projekte?

Nein. Denn der Ausgangspunkt ist immer die menschliche Wahrnehmung. Wir planen das Licht für den Menschen. Sicherlich sind die Randbedingungen bei Projekten für den öffentlichen Bereich oft andere als bei jenen für den privaten Bereich. Das ergibt dann diese Differenzierungen. Aber Kernpunkt ist immer, ein Lichtkonzept für den Menschen zu entwickeln. Wenn uns jemand fragt, ob wir für die Logistik eines Computer-Hochregallagers, das über Roboter angesteuert wird, die Beleuchtung planen, würden wir ablehnen, weil uns der Mensch in dieser Situation fehlt.

Wir machen Immer wieder die Erfahrung, dass Kunden erst dann ans Licht denken, wenn es zu spät ist. Sprich: Wenn das Haus fertig und die Elektroinstallation abgeschlossen ist. Wie erklären Sie Ihren Kunden, dass sie sich frühzeitig mit dem Thema Licht auseinandersetzen sollten?

Wichtig sind natürlich intensive Gespräche, denn oft gelingt es erst beim zweiten Zugang, den Kunden zu überzeugen. In der Zusammenarbeit mit dem Architekten ist es einfacher. Der Architekt versteht natürlich, dass Licht und hier vor allem das Tageslicht, von Anfang an dazu gehört, wenn er das Gebäude entwirft. Ich lehre seit inzwischen über zehn Jahren in Düsseldorf bei angehenden Architekten und Innenarchitekten, für die Studenten ist die Lichtplanung ein Pflichtfach im Bachelor sowie im zweiten Semester beim Master. Das heißt, alle Architekten, die von der Peter Behrens School of Arts kommen, haben sich mindestens ein komplettes Semester lang mit Lichtplanung beschäftigt. Dadurch sind sie für das Thema Licht sensibilisiert. Bei privaten Bauherren hat man dagegen oft den Fall, dass sie erst dann kommen, wenn der Elektriker bereits einen Deckenauslass in die Mitte des Raumes gelegt hat. Dann wollen sie wissen, was man machen kann. Man sieht immer wieder, dass sich die Elektrounternehmen selten Gedanken darüber machen, wie das Lichtkonzept im Haus später aussehen könnte. Im Nachhinein ist es dann immer ein großer Aufwand, die Elektrik entsprechend zu verändern. Vor allem im privaten Bereich ist es sicher ein Problem, dass man gutes Licht viel zu sehr mit einer guten Leuchte gleichsetzt. Nur: Die beste Leuchte wird an der falschen Stelle kein gutes Licht machen.

Wir bemerken eine Entwicklung weg von der klassischen Designleuchte hin zur unsichtbaren Beleuchtung bzw. zu Licht, das aus der Architektur kommt. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Erstmal positiv. Denn wir glauben, dass bei den meisten Anwendungssituationen das Lichtsystem in den Hintergrund treten sollte. Beispielsweise haben wir es in den Hamburger Deichtorhallen geschafft, die 860 Leuchten in ihrer Menge und Gleichförmigkeit in der Architektur unterzubringen, so dass nur noch das Licht wirkt. Wenn man da wenige, aber spektakuläre Lichtsysteme installiert hätte, würden diese viel mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wir versuchen aber grundsätzlich immer das Licht aus der Architektur heraus wirken zu lassen. Beim Tageslicht, aber auch beim Kunstlicht. So dass die Wahrnehmungskapazität sich auf bestimmte Systeme konzentrieren kann. Dadurch können gezielt Akzente gesetzt werden. Je mehr das Grundlicht in die Architektur integriert wird, desto mehr Aufmerksamkeit hat der Betrachter für das einzelne Lichtobjekt, das dadurch erst richtig zur Geltung kommt. Die Designleuchte hat für uns also nicht ausgedient. Nur wirkt die eine einzelne Pendelleuchte über dem Esstisch oder die eine Stehleuchte im Wohnzimmer stärker, wenn die anderen Lichtaufgaben von Systemen erledigt werden, die aus der Architektur heraus kommen.

Die beiden Terminal-Gebäude des Flughafen Hamburg sind mit einem intelligenten Tag-Nacht-Lichtsystem ausgestattet, für das sich das Lichtplanungsbüro von Peter Andres verantwortlich zeichnete. Foto: Prediger

Die beiden Terminal-Gebäude des Flughafen Hamburg sind mit einem intelligenten Tag-Nacht-Lichtsystem ausgestattet, für das sich das Lichtplanungsbüro von Peter Andres verantwortlich zeichnete. Foto: Prediger

Auch die Lichttechnologie entwickelt sich in einem rasanten Tempo weiter. Stichwort LED. Wohin wird die Reise Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren gehen?

Das erste Mal habe ich mich 1974 mit Licht und Lampen beschäftigt, da gab es Glühlampen, Leuchtstofflampen und Halogenmetalldampflampen. Als die Halogen-Glühlampen dann 1977 auf den Markt kamen, wurden sie als Adaptionen der Glühlampe schnell in fast allen Bereichen eingesetzt. Aber das, was die LED gemacht hat, so einen Sprung, so einen gewaltigen Umbruch, habe ich in den letzten 42 Jahren nicht ansatzweise erlebt. Derzeit wird ein unglaublicher Druck auf Hersteller und Bauherren ausgeübt, dass alle auf LED umrüsten. Ich glaube deshalb, dass man in zehn Jahren über kein anderes Leuchtmittel mehr als die LED sprechen wird. Wir haben uns aber schon frühzeitig mit der LED-Technologie auseinandergesetzt und beispielsweise vor fünf Jahren mit dem Landtag von Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf den ersten Plenarsaal Deutschlands komplett mit LEDs ausgestattet.

Und wie bewerten Sie die Entwicklung der OLED?

Hier habe ich festgestellt, dass die Versprechungen, die auf der jeweiligen Light + Building in Frankfurt zu diesem Thema gemacht wurden, eigentlich nie eingehalten wurden. OLED ist für mich eine Lösung, die langsam im Designbereich ankommt. Es gibt einzelne Leuchten, aber in größeren Projekten hatten wir noch nie den Fall, dass wir OLEDs einsetzen konnten. Für uns steht bei der OLED noch in gar keinem Verhältnis, was sie kostet und welche Lichtqualität dabei herauskommt. Da warte ich immer noch auf den Durchbruch. Es gibt sicherlich Nischensituationen, in denen man mal auf die OLED zurückgreifen kann, aber wir halten uns da sehr zurück.

Ihr Name steht für innovative Lichtkonzepte im privaten wie öffentlichen Bereich, Sie forschen außerdem in einem eigenen Lichtlabor. Erklären Sie uns, was in Ihrem Lichtlabor passiert?

Wir wollen damit die Unabhängigkeit von den Herstellern erreichen. Normalerweise wird die Forschung durch die Hersteller betrieben, weil die ihre eigenen Labore haben. Aber wir wollen über das übliche Maß hinaus in die Technologie einsteigen, ohne dabei mit Herstellern wie zum Beispiel Zumtobel konkurrieren zu können und zu wollen. Das Kernstück unseres Lichtlabors ist unser künstlicher Himmel, mit dem wir unabhängig von der Außenhelligkeit bestimmte Tageslichtzustände darstellen können. Wir machen Wahrnehmungsversuche bei unterschiedlichen Tageslichtzuständen und mit den verwendeten Baumaterialien. Wir wollen wissen, ob das Kunstlicht gewisse Defizite, die beim Durchgang durch verschiedene Verglasungsmaterialien entstehen, korrigieren bzw. kompensieren kann. Auch die beste Simulationssoftware kann das nicht berechnen, deshalb bauen wir Versuche mit Materialien wie Fenstergläsern oder auf Teppichen. Außerdem vermessen wir im Lichtlabor Produkte, die wir bekommen, weil uns beispielsweise die zur Verfügung gestellten Informationen zum Farbwiedergabeindex nicht ausreichen. LED kommt mir immer noch vor wie ein wilder Westen. Es werden Sachen auf den Markt gebracht und parallel bemüht man sich, die Regeln für die Bewertung zu entwickeln. Das ist alles noch sehr ungeordnet und da versuchen wir uns mit Hilfe des Lichtlabors ein Bild von der Qualität zu machen.

Sie sind nicht nur Lichtplaner, sondern üben seit Mitte der 1990er Jahre auch eine Lehrtätigkeit aus. Welche Möglichkeiten haben Studenten bei Ihnen, neben der nötigen Theorie auch einen Einblick in die Praxis der Lichtplanung zu bekommen?

Zu Beginn meiner Tätigkeit in Düsseldorf habe ich dort ebenfalls ein Licht- und ein Kunstlichtlabor aufgebaut, damit können die Studenten Modelle erstellen und Versuche machen. Sie erfahren also in der Praxis, was passiert, wenn sie eine LED dimmen oder wenn sie eine Linse wechseln. Diese Grundlagen werden dadurch sehr anschaulich vermittelt, unsere Lichtseminare erfreuen sich ebenfalls einer großen Beliebtheit. Wir können schon sagen, dass die Architekten und Innenarchitekten bei uns eine gute Ausbildung in Sachen Licht bekommen, wobei ich nochmal daran erinnern möchte, dass wir Architekten bzw. Innenarchitekten und keine Lichtplaner ausbilden. Wir wollen allerdings, dass diese sich frühzeitig bewusst machen, wie wichtig der Aspekt Licht ist.

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Kommen wir auf Ihr Jubiläum zu sprechen, Sie feiern in diesem Jahr das 30-jährige Bestehen Ihres Hamburger Planungsstudios. Wie würden Sie diese Zeit beschreiben bzw. zusammenfassen?

Bereits Ende des vergangenen Jahres sind die 30 Jahre voll geworden. Vor 30 Jahren gab es lediglich zwei unabhängige Lichtplanungsbüros, das Büro Bartenbach und uns. Jetzt gibt es bestimmt 3.000 Lichtplaner, da ist schon eine Menge passiert. In unserem Büro wurde das Licht anfangs vor allem technisch betrachtet, die ersten Mitarbeiter waren ausschließlich männliche  Ingenieure. Inzwischen hat sich das aber geändert, so bin ich mittlerweile der einzige verbliebene Elektroingenieur. Die anderen Partner bzw. Mitarbeiter sind Innenarchitekten, Hochbauarchitekten, Industriedesigner, Master of Light and Lighting, Master of Architectural Lighting und Master of Architecture/Interior Architecture. Das Verständnis für Architektur, Innenarchitektur und Materialien ist also viel breiter geworden, man hat durch die veränderte Zusammensetzung verschiedene Zugänge zum Projekt. Vielleicht kann man sagen, dass wir uns von einer sehr lichttechnisch geprägten Truppe zu einem Team entwickelt haben, das Licht aus mehreren Facetten betrachtet. Unser Frauenanteil hat sich im Laufe der Jahre kontinuierlich erhöht, aber das entspricht insgesamt auch der Geschlechterzusammensetzung von Studenten, die sich mit diesen Themen beschäftigen. In der Summe sind wir jetzt drei männliche und vier weibliche Partner.

Welches waren für Sie die wichtigsten Planungsobjekte in dieser Zeit?

Was für unser damals kleines Büro ein sehr großes Projekt war und mit dem wir den Durchbruch hatten, das war der Flughafen Hamburg. Da muss man dem Flughafen heute immer noch dankbar sein. Ich weiß nicht, ob das heutzutage noch möglich wäre, dass man einen so großen Planungsauftrag an ein so kleines Büro mit einer bis dahin relativ geringen Planungserfahrung gibt. Damals hatte man das Vertrauen in uns, wobei uns auch sehr geholfen hat, dass der Flughafen in mehreren Stufen über 15 Jahre gebaut wurde, das war für uns leichter zu händeln.
Das zweite Projekt, das für uns sehr wichtig war, war die Deutsche Bank in Luxemburg. Das Projekt haben wir zusammen mit dem Architekten und Künstler Gottfried Böhm realisiert. Er hat dort mit eingefärbtem Estrich, eingefärbtem Beton, Zinkblechen als Deckenmaterial und Stahl gearbeitet. Ich erinnere mich noch gut, wie den Herren von der Deutschen Bank das Material vorgeführt wurde. Es herrschte eisiges Schweigen im Raum, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass der Architekt damit das Gebäude gestaltet. Wir merkten aber schnell, dass wir den entscheidenden Fehler gemacht hatten, indem wir die Materialien unter der normalen Baustellenbeleuchtung präsentiert haben. Das werde ich nicht vergessen. Dann habe ich darum gebeten, dass wir uns zwei Wochen später erneut treffen, so dass wir wussten, welche Leuchtmittel wir wo einsetzen und dann haben wir schließlich die richtigen Leuchtmittel über dieselben Materialproben angeordnet. Der Funke ist übergesprungen. Da haben wir gemerkt, dass das Material beschaffen sein kann, wie es will – wenn das Licht, das es bestrahlt, nicht in der Lage ist, die Besonderheiten aus dem Material herauszuholen, ist es das falsche Licht.

Gibt es ein Projekt, für das Sie gern die Lichtplanung gemacht hätten bzw. für das Sie die Lichtplanung gern einmal übernehmen würden?

Was uns auf jeden Fall noch interessieren würde, ist ein Lichtkonzept für ein Auto. Aber ansonsten haben wir in den letzten 30 Jahren so gut wie jeden Bereich einmal angefasst. Sogar ein Lichtkonzept für ein Flugzeug haben wir bereits entworfen, das ist aber nicht zur Ausführung gekommen. Wir haben zwar damals für den A3XX, den späteren A380, ein Konzept erarbeitet, aber es wurde nicht umgesetzt. Jetzt hoffen wir aber, dass unser Lichtkonzept für die neue Zuggeneration der Deutschen Bahn realisiert wird.

Erklären Sie uns zum Abschluss, warum das Thema Licht spannend und faszinierend ist?

Weil mehr als 80 Prozent aller Eindrücke über das Licht passieren. Licht ist für uns ein maßgeblicher Auslöser für Atmosphäre und Wohlbefinden und so etwas wie ein Grundnahrungsmittel. Gerade in Zeiten, in denen die Gebäude immer dichter beieinander stehen und das Tageslicht immer kostbarer wird, kommt es darauf an, ein Mindestmaß an natürlichem Licht zu gewährleisten. Das ist es, was uns antreibt. Für uns ist es ein interessanter und tatsächlich nachhaltiger Ansatz, wie wenige Lichtsysteme installiert werden können, um im Zusammenhang mit dem Tageslicht immer die richtigen Helligkeiten zu gewährleisten. Wenn die Kunden am Ende mit der Lösung zufrieden sind, sie sich wohlfühlen und das Kunstlicht als solches vielleicht gar nicht wahrnehmen – dann freut uns das. Das zu erreichen, motiviert uns immer wieder, uns mit dem Thema Licht auseinanderzusetzen.

Herr Andres, vielen Dank für das ausführliche und freundliche Gespräch!

29. April 2016, Christian Buchholz
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